Förderverein
Uhrentradition Ruhla e.V.

  Neues zum alten mechanischen Turmuhrwerk  der Ruhlaer Concordia-Kirche

Die Winkelkirche St. Concordia zu Ruhla
Das Foto zeigt sie in den 1930-er Jahren

Die Concordia-Kirche in Ruhla ist vieler Hinsicht eine besondere Kirche.
Dass sie überhaupt gebaut wurde ist der mehrfachen Erbteilung in den Herzogshäusern Sachsen-Weimar und Sachsen-Gotha geschuldet. Dadurch war Ruhla seit 1640 mit dem Erbstrom als Landesgrenze in zwei Gothaer Ortsteile und einen Eisenacher Ortsteil gespalten. Es gab aber nur eine Kirche im Gothaer Ort, die alte Trinitatis-Kirche von 1601. Die gemeinsame Nutzung ging ganz gut, als aber 1656 Geld zur Erweiterung gebraucht wurde, kam es zum Streit und die Bürger im Eisenacher Ort wollten lieber eine eigene Kirche bauen. Im Januar 1660 bekamen sie endlich von den beiden Herzögen die Erlaubnis zum Bau.
Die weitere Besonderheit ist die Winkelform der Kirche, dem Baugelände angepasst, mit je einem Schiff für die Männer und einem Schiff für die Frauen. Am 25.September 1661 wurde die Kirche geweiht, hatte Glocken, aber noch keine Turmuhr. Heute ist sie eine der wenigen original erhaltenen Winkelkirchen in Deutschland.
http://www.st-concordia.de

Die Turmuhr erhielt die Kirche zum 200-jährigen Kirchjubiläum 1861. Angefertigt hat die Uhr der Großherzogliche Hofuhrmacher Johann Jacob Auch (geb.1789) aus der Weimarischen Werkstatt der berühmten Uhrmacherfamilie Auch. Es war eine der späteren Turmuhren, die der Meister, der 1885 mit 96 Jahren verstarb, gebaut hat. Er hat mit seinem Vater Jacob Auch seit 1821 die gemeinsame Werkstatt in Weimar geführt. Vater Jacob war 1798 an den Weimarer Hof berufen worden und hat sich bleibenden Ruhm mit dem Bau von neuartigen Taschenuhren mit Chronometer-Hemmung, mit Rechenmaschinen, Teleskopen und Instrumenten für die Sternwarte Seeberg und auch für Goethes Studien erworben. Der Vater starb 1842 .Die Arbeiten führte der  Sohn Johann Jacob weiter und begann, Turmuhren nach einem ganz neuen Funktionsprinzip zu bauen.

Die Suche nach Dokumenten aus der Einbauzeit ist wenig erfolgreich, denn große Teile des Kirchenarchivs sind im April 1981 durch den Messingkäfer so stark beschädigt worden, dass die Dokumente verbrannt werden mussten. Erhalten ist die Beschreibung des 200-jährigen Jubiläumsfestes am 25./26. September 1861, bei dem der Großherzog Carl Alexander persönlich anwesend war. In der auf 5 Porzellantafeln in kunstvoller Weise geschriebenen Schilderung  des Bürgermeisters Bernhard Bischof vom 4. Juli 1863 steht ein Text, der den  Bericht  über  den Morgen des 25. September 1861 einleitet:
„ Da naht endlich der festliche Morgen, sein Glanz bricht an, die neue Turmuhr gab ihr erstes Lebenszeichen von sich, ihr erster Schlag ließ sich vernehmen…“

Die Porzellantafel mit dem Text zur Turmuhr, heute im Stadtmuseum ausgestellt

Im Buch von Pfarrer Koch zum 250-jährigen Jubiläum 1911 ist erwähnt, dass für die Turmuhr „mit großer Opferfreudigkeit die Mittel durch freiwillige Gaben aufgebracht wurden.“
Die Auch-Turmuhr erfüllte bis 1992 offensichtlich gut und ohne wesentliche Reparaturen ihre Aufgabe, zumindest sind  in den vorhandenen  Aufzeichnungen sehr  viele Schäden am Gebäude, am Turm, am Turmknopf usw. verzeichnet, ohne das die Turmuhr dabei  einmal erwähnt wurde.
Das lag bestimmt auch an der genialen Konstruktion und der handwerklich soliden Herstellung des Turmuhrwerkes von Johann Jacob Auch. Alle bekannten Auch-Turmuhren lösen die Übertragung beim Gangwerk, dem Viertelstundenschlag und dem Stundenschlag nicht mit einem mehrstufigem Zahnrad-Räderwerk sondern nur  mittels Schneckenrad und Schnecke. Es ist ganz erstaunlich, mit welcher Präzision diese Getriebeteile mit den damals vorhandenen technischen Möglichkeiten gefertigt wurden. Die Pendel sind immer außerhalb des Werkes im Turm angebracht und je nach Pendellänge, bei der Uhr der Concordia-Kirche sind es z.B. 3,60 m, wurden die Übersetzungen des Schneckengetriebes individuell ausgelegt, d.h. jede Auch-Uhr ist ein Unikat und damit als technisches Kulturgut besonders wertvoll und viel zu schade, einfach verschrottet zu werden.
Heute sind noch mindestens 8 weitere originale Auch-Turmuhren erhalten. Noch funktionstüchtig sind die Werke im Dom zu Erfurt (1853), im Schloss Wilhelmsthal (1859), in der Nikolaikirche in Jena(1848) und in der Kirche in Possendorf bei Weimar(1846). Vier weitere Turmuhrwerke sind erhalten, wenn auch nicht mehr in Funktion: das Werk in der Dicel-Kirche in Seebach (1858), ein Werk im Turmuhrenmuseum in Stuttgart-Steinhaldenfeld(1854), je ein Werk in Kirchen in Clodra bei Weida (1864)und in Wolfersdorf bei Stadtroda( 1872 ).Zwei Werke in Schmiedehausen bei Camburg und im Museum in Camburg sind als Umbauten von Auch-Uhren aus den Jahren 1890 bis 1897 erhalten und teilweise in Funktion.
 Das alte Turmuhrwerk der Concordia-Kirche lag von 1992 bis 2012 auf dem Kirchboden und das Bild unten zeigt etwas vom Zustand, in dem  es sich 2013  befand.

Ein Blick auf das Uhrwerk und die Pendellinse mit Namenszug und Jahresangabe

Die Funktionen erfüllt nun eine funkgesteuerte Einrichtung. Stellantriebe, die direkt am Zeigerwerk hinter den Zifferblättern montiert sind, bewegen die Zeiger.  Von einem zentralen Funk-Steuerungsmodul im Kirchturm kommen die Zeit- und Glockensignale. Das ist bedienfreundlich, denn das tägliche Kurbeln an den drei Antrieben ist nicht mehr notwendig.
Die Kirchgemeinde und der Gewerbeverein haben sich 2013 an das alte Uhrwerk erinnert und bei der Firma Garde angefragt, ob das alte Werk zu etwas Nützlichem verwendet werden könnte. Mehrere Varianten zur Aufstellung des Werkes als Schauobjekt  ohne jede Funktion  wurden diskutiert. Es blieben Zweifel, ob ein funktionsloses Schauobjekt für eine „Uhrenstadt“ wie  Ruhla angemessen ist.

Es waren Mitglieder des Fördervereins „Uhrentradition Ruhla e.V.“, die 2013 den Entschluss fassten, das alte Werk  mit neuem Glanz und vollständiger Funktion zu restaurieren. Das Werk wurde in alle Einzelteile zerlegt, gereinigt, konserviert und weitgehend im originalen Zustand der historischen  Lösung wieder hergestellt und zusätzlich sind Baugruppen eingefügt worden, die einen der heutigen Zeit entsprechenden Betrieb der Uhr gestatten:
- ein motorischer Aufzug anstelle des Hand-Gewichtsaufzug
- ein Anhalten des Pendels und die funkzeitgenaue Freigabe des Pendels alle zwei Tage
- kleine, am Werk montierte Schiffsglocken läuten zu den Stunden und Viertelstunden
Seit mehreren Monaten läuft dieses Traditions-Turmuhrwerk in der Werkstatt des Fördervereins, so wie es im Bild links zu sehen ist, bei bester Funktion zur Probe.
Die Stadtverwaltung  und der Verein arbeiten momentan an einer Lösung zur öffentlichen Aufstellung im Stadtgebiet. Alle hoffen, dass es gelingt.

Aufgeschrieben vom Vereinsmitglied Rainer Paust

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